Sind die Thüringer Deutschlands schlaueste Abiturienten?

Die Auswertung der bundesweiten Abiturnoten 2014 durch die Kultusministerkonferenz brachte u.a. zwei besonders nennenswerte Ergebnisse: Thüringens Schüler erreichten am häufigsten das Einser-Abitur, und es gibt nach wie vor teils drastische Unterschiede zwischen den Bundesländern.

Notengerechtigkeit und Zukunftsperspektiven

Während in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt besonders viele durch die Abiturprüfung fielen und Niedersachsens Abiturienten die schlechtesten Noten bekamen, schloss in Thüringen lediglich jeder 10. Schüler das Abi mit einem Notendurchschnitt von 3,0 oder darunter ab. Zudem erreichten 2,8 % der Thüringer ein Einser-Abitur. Thüringen ist das Bundesland der hellsten Köpfe! Oder? JEIN.

Überflieger gibt es in allen Bundesländern, allerdings wird der Abi-Schnitt überall nach anderen Prämissen berechnet, teils mit fatalen Folgen für die Abiturienten. Da viele der Studiengänge zulassungsbeschränkt sind und der Numerus Clausus unbestechlich ist, ist die viel gepriesene Chancengleichheit bei der Bewerbung auf Studienplätze das Papier nicht wert, auf dem es steht.

Abiturnoten als Spiegelbild des Bildungswirrwarr

Die Abiturnoten auf dem Abschlusszeugnis ergeben sich aus den Halbjahreszensuren und zu einem Drittel aus den Abiturprüfungen. Allerdings werden Leistungs- und Grundkurse bzw. Vertiefungsfächer, Kernfächer oder Kurse mit erhöhtem Niveau einfach, doppelt oder gar nicht angerechnet, erbrachte Leistungen fließen (fast) komplett in die Bewertung ein (z. B. in Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg) oder schlechte können gestrichen werden (z. B. Berlin, Hamburg, Hessen).

Zudem sorgen unterschiedlich notwendige Kurse und Stundenzahlen zusätzlich für Verwirrung. Die Spanne reicht von 6 Hauptfächern a 4 Stunden in Mecklenburg-Vorpommern über 3 Kernfächer mit je 4 Stunden in Bayern bis hin zu 2 Leistungskursen a 5 Stunden in Berlin, Bremen, Hessen oder Sachsen.

Folge: Auch wenn Schüler aus verschiedenen Bundesländern die gleichen Leistungen sowie identische Noten in allen Abiturprüfungen und Klausuren erreichen, erhalten sie in den Bundesländern nicht den gleichen Notendurchschnitt.

All dies haben wir dem Nonsens des förderalen Bildungssystems zu verdanken. Transparenz sieht zumindest aus unserer Sicht deutlich anders aus, auch wenn die hohe Wertigkeit des Abiturs keinesfalls in Frage steht.

Gemeinsamer Aufgabenpool = echte Vergleichbarkeit?

Ab 2017 soll es für eine bessere Vergleichbarkeit in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch einen gemeinsamen Pool an Prüfungsaufgaben geben, aus denen die Länder ihre Aufgaben filtern … oder auch nicht.

Wie bitte? Den Bundesländern bleibt es überlassen, ob sie Prüfungsausgaben aus dem Pool verwenden. Benotet und bewertet wird ohnehin auch zukünftig überall anders.

(Un)gewollt und nicht gekonnt – eine wirkliche Vergleichbarkeit wird es also auch demnächst nicht geben!

Harmonisierung der Lehrinhalte, Anpassung der Schulformen und Zentralabitur – damit könnte eine deutlich bessere Vergleichbarkeit erreicht werden. Aber dies bleibt – aus uns unverständlichen Gründen – nach wie vor das Schreckgespenst für alle Bildungspolitiker und rückt damit mehr denn je in weite Ferne.

Was bleibt, sind 16 verschiedene Schulsysteme mit „regional differenzierten Ausbildungen“, aber nur ein Markt für Studien- und Arbeitsplätze, der von Studierenden und Arbeitnehmern höchste Flexibilität inklusive Familienumzug und Schulwechsel verlangt. Deutschland will zu den Marktführern in der Wirtschaft gehören, aber beim Blick auf das schulische Bildungssystem kommen uns die Tränen. Auch Anspruch und Wirklichkeit liegen manchmal weit auseinander!

Weg vom Notendurchschnitt?

Um die Leistungen der Abiturienten nicht mehr nach der durchschnittlichen Abiturnote bemessen zu müssen und damit Ungleichbehandlungen von Vornherein einzukalkulieren, werden auch andere Ansätze diskutiert:

Die Leistungen von Abiturienten im Vergleich zu ihren Mitschülern könnten nach einem Rang-System internationalen Vorbildes bewertet werden. Berechnungsgrundlagen für die vermeintlich über Landesgrenzen hinweg vergleichbare Ermittlung der relativen Platzierung wären dann die individuell erbrachten Abiturleistungen im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Abiturienten eines Bundeslandes nach dem Motto: Umso niedriger der Wert, desto besser der Rang.

Eher zielführend könnten durchgängige Eignungs- bzw. Eingangstests an Hochschulen und Universitäten sein, die für die Beurteilung notwendiger fachlicher Voraussetzungen, spezieller Befähigungen oder sozialer Kompetenzen ihrer zukünftigen Studierenden die Experten sind. Eignungstests für alle Bewerber wären, vom Aufwand mal abgesehen, ein probates Mittel, um den Diskussionen rund um NC’s, Notenrangelei und Chancenungleichheit die explosive Grundlage zu entziehen.

Eine Frage bleibt dennoch offen: Warum haben wir eigentlich die Bologna-Reform über uns ergehen lassen, die die Vergleichbarkeit und Anerkennung akademischer Abschlüsse gewährleisten soll, wenn wir nicht einmal ein einheitliches Abitur auf die Reihe kriegen? Vielleicht ist Deutschland in Sachen Bildung einfach nur zu kleinstaatlich, und ein Europäisches Zentralabitur wäre des Rätsels Lösung!

Dennoch haben wir auch noch einen praktischen Tipp für Sie.

Orientierungshilfe Abirechner

Mit dem Abirechner, dem die jeweils geltenden Prüfungsordnungen und Berechnungsmodelle der SP_logo16_TippBundesländer zugrunde liegen, können Schüler ihre potenzielle Abiturnote leicht ermitteln und somit Klarheit erhalten, mit welchem Notendurchschnitt sie in ihrem Bundesland rechnen können. Dies kann eine wichtige Hilfe sein, um die Anstrengungen in bestimmten Fächern zu forcieren und damit auf den gewünschten Zensurenschnitt zu kommen. Zudem ist es mit Blick auf ein anschließendes Studium möglich, optimale Punktekonstellationen für das Erreichen des Numerus Clausus für zulassungsbeschränkte Studiengänge durchzuspielen.

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