Einser-Abitur – Fluch oder Segen?

Einser AbiturGelten Abiturienten mit einem Einser Abitur als Streber, lebensuntüchtige Fachidioten oder haben sie einfach nur alles richtig gemacht?

In den letzten Jahren haben sich die Abiturnoten der deutschen Schüler immer weiter verbessert. Damit nimmt der Run insbesondere auf zulassungsbeschränkte Studiengänge an Hochschulen und Universitäten weiter zu, so dass zwangsläufig auch der Numerus Clausus (NC) immer höher wird. Insbesondere Biochemie, Medizin, Psychologie oder Jura, aber teilweise auch Medien- und Kommunikationswissenschaften oder Maschinenbau sind häufig nur mit einem Einser-Schnitt möglich.

Jeder zweite Studienplatz – mit Ausnahme von Fernstudiengängen – ist inzwischen mit einem Numerus Clausus belegt.

Zweifelsohne können junge Menschen mit einem ausgezeichneten Abi-Zeugnis zu Recht stolz auf ihre schulischen Leistungen sein und haben damit beste Aussichten für eine Studienzulassung in einem ihrer gewünschten Studiengänge. Nichtsdestotrotz muss hervorragenden Abi-Noten kein ebenso glänzender Durchmarsch beim Studium oder der Berufsausbildung folgen.

Führt ein Einser-Abitur automatisch zum Studienerfolg?

Hervorragende Noten auf dem Abiturzeugnis bieten aufgrund der vielfältigen äußeren Einflussfaktoren und den gestiegenen Anforderungen an Selbstorganisation, Zielstrebigkeit, Konsequenz, komplexes Denken, Vereinbarkeit von Theorie und Praxis sowie persönliches Zeitmanagement keine Garantie für ein erfolgreiches Studium.

Die Gruppe der Studienanfänger wird durch die höhere Durchlässigkeit (z. B. Studienzulassung für Personen mit bestimmter beruflicher Vorqualifikation oder Berufserfahrung, Studium ohne Abitur) zunehmend heterogen, so dass sich auch die Hochschulen auf das unterschiedliche Einstiegsniveau der Studierenden einstellen müssen. So werden heute dem eigentlichen Studienbeginn vorbereitende Brückenkurse mit dem Ziel vorangestellt, schulische Grundlagen aufzufrischen und bestehende Wissenslücken zu schließen. Dies kann auch für die Studierenden hilfreich sein, die sich ursprünglich bei Wahl ihrer Leistungskurse oder Prüfungen während des Abiturs gedanklich auf andere Studiengänge vorbereitet haben und sich später umorientieren (müssen).

Diese Niveauunterschiede in der Studieneingangsphase erfordern folgerichtig, dass zwischen den Lehrplänen der Schulen und den Bedürfnissen der Hochschulen eine anforderungsgerechtere Abstimmung erfolgen sollte.

Taugt die Abiturnote als Auswahlkriterium?

Trotz einiger Vorbehalte ist die Abiturnote das einzig messbare Kriterium für die Studienzulassung. Da sich viele Abiturienten zeitgleich an verschiedenen Unis für einen Studienplatz bewerben, um ihre Chancen zu erhöhen, bleibt den Hochschulen meist nichts anderes übrig, als die Vorauswahl auf Basis der Abi-Note zu treffen. Ein großer Pluspunkt für die Einser-Abiturienten!

Führen bessere Abiturnoten zu Gleichmacherei?

Bei der in den letzten Jahren festzustellenden Verbesserung der Abiturnoten führt kein Weg daran vorbei, auch die Konsequenzen zu hinterfragen. Verliert im internationalen Vergleich das deutsche Abitur an Wert? Wie können sich die Leistungen von Abiturienten noch unterscheiden, wenn massenweise gute Noten vergeben werden?

Das deutsche Abitur ist trotz der Diskussionen um sinkendes Bildungsniveau, Zentralabitur oder zu hohe Stundenzahlen international anerkannt. Allerdings ist dies weder Freifahrtschein für die Abiturienten noch Ruhekissen für die Kultusministerien der Bundesländer!

Um als Abiturient bei Bewerbungen besondere Kompetenzen zu präsentieren, die andere nicht zu bieten haben, sind neben den sehr guten Abiturnoten weitere Zusatzqualifikationen wie außeruniversitäres Engagement, Auslandspraktika oder Zusatzqualifikationen hilfreich. Hier sind allerdings Jugendliche aus bildungsfernen Familien deutlich benachteiligt, weil sie sich die Finanzierung derartiger „Sonderleistungen“ nicht oder kaum leisten können.

Ohne Einser-Abi ist Flexibilität gefragt

Ohne Einser-Abi sinken die Chancen für begehrte Studienplätze, aber dies ist dennoch kein Grund zur Resignation. Etwa die Hälfte aller Studiengänge ist weiterhin frei zugänglich und bietet auch für Bewerber ohne Einser-Abitur vielfältige berufliche Entwicklungsmöglichkeiten.

Aber: Dies setzt voraus, dass Sie sich als Abiturient bei der Zukunftsplanung nicht nur auf einen Berufswunsch an einem ganz bestimmten Ausbildungsort festlegen und aus allen Wolken fallen, wenn Sie Ihr gesetztes Ziel nicht erreichen! Wenn Sie den berühmten Plan B in Ihrer gedanklichen Schublade haben, werden Sie diese Unwägbarkeiten nicht aus der Bahn werfen.

Schon örtliche Flexibilität kann dazu beitragen, die Chancen auf Ihren Wunschstudienplatz wesentlich zu erhöhen. Bei speziellen oder seltenen Studiengängen wie z. B. Jiddistik oder Papyrologie hilft dies allerdings kaum.

Gegebenenfalls können auch Wartesemester dazu verhelfen, Zeiträume bis zur Zulassung zum gewünschten Studiengang zu überbrücken. Dennoch sollten Abiturienten auch hier den Bogen nicht überspannen. „Warten“ bedeutet auch, in dieser Zeit einer Alternativbeschäftigung nachzugehen, eine Zusatzqualifikation zu erwerben, Praktika oder Freiwilligendienste zu absolvieren und damit meist den Eltern noch zusätzlich auf der Tasche zu liegen.

 

FAZIT:

Wer zu einem Einser-Abitur in der Lage ist, kann sich glücklich schätzen und mit Optimismus ins SP_logo16_FazitStudium oder die Berufsausbildung starten. Für den weiteren Bildungsweg empfiehlt es sich dennoch, seine Ziele nicht zu eng zu stecken und stets mögliche Alternativen im Blick zu haben. Auch psychischer Druck von außen (z. B. durch die Eltern) oder persönliche Verbissenheit („Brett vor dem Kopf“) kann den klaren Blick auf die individuellen Stärken, Interessen und Perspektiven versperren!

 

 

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